25.03.2013

äIntegration ist eine Gemeinschaftsaufgabe!ô - Migranten und Nordschwarzwälder in Berlin

Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel ermöglicht intensiven Erfahrungsaustausch ľ Volles Programm mit zahlreichen Höhepunkten ľ äViele Anregungen für Arbeit mitgenommenô

Erinnerungsfoto im Bundesministerium für Arbeit und SozialesGemeinsames Erinnerungsfoto im Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit dem Initiator dieser außergewöhnlichen Integrationsreise, dem Parlamentarischen Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel MdB (grauer Anzug).

 

Von Sabine Wiesinger

Berlin/Horb/Calw. Jeder fünfte Mensch in Deutschland hat einen Migrationshintergrund und jeder zehnte Erwerbstätige ist Ausländer. Allein diese Zahlen machen deutlich, dass die Integration von Mitbürgern aus anderen Kulturkreisen nicht nur eine Aufgabe von einigen sehr Engagierten, sondern eine Gemeinschaftsaufgabe für die Gesellschaft ist. Für den CDU-Wahlkreisabgeordneten und Parlamentarischen Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel ist es ein wichtiges Anliegen, das Miteinander verschiedener Kulturen zu fördern und das gegenseitige Verständnis zu stärken.

Deshalb hat er schon vor längerer Zeit in seinem Wahlkreis einen Dialogprozess mit in der Integrationsarbeit Aktiven und Migranten in Gang gesetzt. „Im Gespräch können Erfahrungen ausgetauscht, Anregungen aufgenommen und auch Probleme erkannt und nach einer Lösung gesucht werden“, so Fuchtel. Er freut sich, dass es z.B. im Rahmen der von Oberbürgermeister Peter Rosenberger nachhaltig unterstützten „Horber Kulturbrücke“ bereits vielfältige Aktivitäten im Bereich der Integration gibt – dennoch müsse „noch viel mehr getan“ werden.

Um die Motivation dafür zu stärken und die Integrationsarbeit zu forcieren, lud Fuchtel 50 Personen verschiedener Nationalitäten und Kulturkreise nach Berlin ein. Dort bot sich diesen die bislang einzigartige Gelegenheit zum intensiven Erfahrungsaustausch mit der Politik und in der Hauptstadt für die Integration Verantwortlichen. Auch Oberbürgermeister Rosenberger war mitgereist, um für die Integrationsarbeit in Horb neue Anregungen zu sammeln.

Vom Modell zum ExportschlagerVom Modellprojekt zu einem Exportschlager hat sich das Integrationsprojekt "Stadtteilmütter Neukölln" entwickelt, das die Koordinatorin Leyla Celik präsentierte.

 

Den Auftakt für zahlreiche Begegnungen bildete der Besuch im Rathaus von Neukölln – dem Stadtbezirk mit dem höchsten Migrantenanteil. Dort standen der Gruppe führende Vertreter von zwei erfolgreichen Integrationsprojekten Rede und Antwort. Zunächst stellte die Koordinatorin Leyla Celik das mehrfach ausgezeichnete Integrationsprojekt „Stadtteilmütter“ vor. In einem sechsmonatigen Kurs werden arbeitslose Mütter nichtdeutscher Herkunft zu zehn Themen rund um Erziehung, Bildung und Gesundheit intensiv geschult und dann mit 30 Wochenstunden befristet angestellt. Sie besuchen Familien ihres Kulturkreises und suchen speziell den Kontakt zu den Frauen, welche zumeist der deutschen Sprache nicht mächtig sind und keinen oder nur einen unteren Schulabschluss haben.

Dieser „Dialog auf Augenhöhe“ findet in jeder Familie zehnmal statt, wobei umfangreiche Informationen weitergegeben und auch konkrete Hilfen angeboten werden. Das Projekt arbeitet sehr eng mit Kindertagesstätten, Grundschulen, Beratungsdiensten und der Jugendhilfe zusammen. Vorrangiges Ziel ist es, die Bildungschancen der Kinder zu erhöhen und deren Mütter aus der Isolation zu holen. Aktuell sind 70 Stadtteilmütter in Neukölln im Einsatz – insgesamt konnten seit Start des Projekts mehr als 5.000 Familien erreicht werden. Zwei Stadtteilmütter berichteten der Gruppe von ihren Erfahrungen und auch davon, wie sie selbst ihr Leben durch diese Tätigkeit besser „in den Griff bekommen“ haben. Wenn eine Stadtteilmutter ausscheiden muss, dann wird versucht, sie in den ersten Arbeitsmarkt zu vermitteln, so Koordinatorin Celik. Sie freute sich, dass das Projekt mittlerweile sehr viele Nachahmer gefunden hat.

Vorstellung des Integrationsprojektes HEROESProjektleiterin Jenny Breidenstein und Yilmaz Atmaca stellten das Integrationsprojekt "Heroes" vor, an dem auch die Stadt Stuttgart Interesse hat.

 

Ebenfalls Modellcharakter hat das anschließend vorgestellte Integrationsprojekt „Heroes – gegen Unterdrückung im Namen der Ehre“. Projektleiterin Jenny Breidenstein und Yilmaz Atmaca gaben Einblick in ihre Arbeit mit jungen Männern aus den sog. Ehrenkulturen. Dabei steht ebenfalls der „Dialog auf Augenhöhe“ im Mittelpunkt – nach dem Motto: Reden, Bewegen, Verändern. Bei regelmäßigen Treffen werden mit den Jugendlichen intensiv die Themen Gleichberechtigung, Ehre und Menschenrechte erörtert und in Rollenspielen ausdiskutiert.

Atmaca berichtete, dass sehr viel Mut und eine starke Haltung der jungen Männer erforderlich seien, um traditionelle gesellschaftliche Strukturen ihrer Herkunftsländer zu hinterfragen und offen mit anderen darüber zu reden. Deshalb der Name „Heroes – Helden“. Sie engagieren sich für eine Gesellschaft, in der jeder Mensch, unabhängig von Geschlecht und kulturellem Hintergrund, dieselben Möglichkeiten und Rechte hat. Nach erfolgreichem Training führen die jungen Männer Workshops für Gleichaltrige in Schulen durch und versuchen diese zu motivieren, ebenfalls gegen Unterdrückung Stellung zu beziehen. Mehrere Städte hätten das Projekt schon übernommen – aus Stuttgart wurde Interesse daran signalisiert, berichteten Atmaca und Breidenstein.

Horber OB Rosenberger dankt Verantwortlichen in NeuköllnDer Horber Oberbürgermeister Peter Rosenberger (links) bedankte sich für den konstruktiven Meinungsaustausch im Rathaus von Neukölln bei den Projektverantwortlichen Jenny Breidenstein und Yilmaz Atmaca („Heroes“), den beiden Stadtteilmüttern (mit ihrem Erkennungszeichen roter Schal) und der „Stadtteilmütter“-Koordinatorin Leyla Celik.

 

Im Anschluss an eine Führung durch das Bundeskanzleramt, wo unter anderem der Kabinettsaal in Augenschein genommen werden konnte, fand im großen Konferenzsaal ein Gespräch mit Karsten Roesler aus dem Arbeitsstab der Integrationsbeauftragten der Bundesregierung statt. Staatsministerin Prof. Dr. Maria Böhmer konnte wegen einer kurzfristigen Auslandsreise mit der Kanzlerin den Termin leider nicht selbst wahrnehmen. Roesler würdigte das „vorbildliche Engagement der Horber Kulturbrücke“, von dem man auch in Berlin Kenntnis erlangt habe. Er dankte Oberbürgermeister Rosenberger für das nachhaltige Engagement von Seiten der Stadt Horb. Auch für Cetin Karanci, der als Feuerwehrkommandant in Neubulach aktiv ist, fand Roesler anerkennende Worte.

Er stellte Maßnahmenpakete der Bundesregierung zur Förderung der Integration vor und warb für eine neue Willkommens- und Anerkennungskultur. Man müsse es in einem steten Dialogprozess schaffen, „von der nachholenden Integration zur vorbereitenden Integration zu kommen.“ Dazu gehöre insbesondere auch die schnellere Anerkennung von im Herkunftsland erworbenen Bildungsabschlüssen.

Gesprächsrunde Integration im BundeskanzleramtIm Anschluss an eine Führung durch das Bundeskanzleramt fand im großen Konferenzsaal eine Gesprächsrunde zum Thema Integration statt.

 

Vorrangig um die Arbeitsmarktintegration ging es auch beim Gespräch mit Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel im Bundesministerium für Arbeit und Soziales (BMAS). Bei diesem Termin war auch die Vorsitzende der Türkisch-Deutschen Frauenunion zu Berlin, Sema Özcan-Sarigül, anwesend. Sie engagiert sich seit Jahren auf vielfältige Weise für benachteiligte Frauen und vor allem auch für Migranten mit Behinderung.

Staatssekretär Fuchtel gab Einblick in die verschiedenen Förderprogramme des BMAS wie z.B. „IQ - Integration durch Qualifizierung“, „Xenos – gegen die Ausgrenzung und Diskriminierung auf dem Arbeitsmarkt“ oder zur berufsbezogenen Sprachförderung. Vor dem Hintergrund, dass seit Jahren die Arbeitslosenquote von Ausländern und Migranten zwar leicht zurückgeht, aber immer noch rund doppelt so hoch ist wie bei Deutschen, bestehe – so Fuchtel – „ großer Handlungsbedarf.“

Er verwies auch darauf, dass viele der arbeitslos gemeldeten Ausländer keinen (anerkannten) Berufsabschluss haben, weshalb die Bundesregierung nun mit einem neuen Anerkennungsgesetz die Voraussetzungen für eine systematische Anerkennung von im Ausland erworbenen Berufsabschlüssen geschaffen habe. Hierfür seien flächendeckend in allen Bundesländern Beratungsstellen und regionale Netzwerke eingerichtet worden, da ohne ausreichende Qualifizierung der Migranten und Ausländer für diese – wenn überhaupt – nur Tätigkeiten im Niedriglohnbereich zur Verfügung stünden.

Dank für „einzigartigen Erfahrungsaustausch“Für die Einladung nach Berlin bedankten sich namens der Gruppe (von rechts) der Horber OB Peter Rosenberger, Petra Schupp vom Landratsamt Calw und Gisela Höpfer für die „Horber Kulturbrücke“ bei Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel.

 

Für die Förderprogramme im Rahmen des Nationalen Aktionsplans Integration seien die Haushaltsmittel erhöht worden, berichtete Fuchtel. Für das IQ-Programm z.B. von rund 24 Mio. Euro in den Jahren 2011 und 2012 auf jetzt rund 60 Mio. Euro in den Jahren 2013 und 2014. Aus Mitteln des BMAS würden für ein Sonderprogramm des Bundes zur Sicherung der Fachkräftebasis in den nächsten vier Jahren rund 139 Mio. Euro zur Verfügung gestellt.

Als „sichtbaren Erfolg“ wertete Fuchtel auch die Tatsache, dass z.B. im Rahmen der berufsbezogenen Sprachförderung fast die Hälfte der Teilnehmer sechs Monate nach Kursende in einem regulären Beschäftigungs- oder Ausbildungsverhältnis standen. Dennoch müssten die Anstrengungen zur Integration noch verstärkt werden.

Empfang in Botschaft der Republik TürkeiHerzlich aufgenommen wurde die Gruppe von Staatssekretär Fuchtel in der Botschaft der Republik Türkei von Botschaftssekretärin Deniz Kalyoncu und dem Gesandten Hidayet Cilkoparan.

 

Mit Spannung wurde dem Besuch in der Botschaft der Republik Türkei entgegengesehen, die erst vor zwei Monaten ihre Arbeit im neuen Gebäude in der Tiergartenstraße aufgenommen hat. Der Gesandte Hidayet Cilkoparan und Botschaftssekretärin Deniz Kalyoncu begrüßten die Gruppe im Namen des Botschafters sehr herzlich und wiesen darauf hin, dass Staatssekretär Fuchtel der erste Parlamentarier sei, der eine so große Gruppe zu ihnen vermittelt habe. Sie gaben Einblick in die Geschichte der diplomatischen Beziehungen zwischen der Türkei und Deutschland, welche vor genau 250 Jahren ihren Anfang genommen haben.

Cilkoparan untermauerte die große Bedeutung dieser Beziehungen mit beeindruckenden Zahlen – zur wirtschaftlichen und kulturellen Zusammenarbeit oder auch zum Tourismus. Der Gesandte appellierte auch an seine nach Deutschland kommenden Landsleute, die deutsche Sprache zu erlernen. Nach einem Rundgang durch das architektonisch sehr ansprechende Gebäude standen der Gesandte und Frau Kalyoncu auch für Einzelgespräche zur Verfügung, bevor sie die Gäste mit Handschlag verabschiedeten.

Neben diesen vorrangig dem Thema der Reise – „Das Miteinander verschiedener Kulturen fördern“ – gewidmeten Programmpunkten hatte die Gruppe von Staatssekretär Fuchtel auch die Gelegenheit, die Arbeit des Deutschen Bundestages, der Landesvertretung Baden-Württemberg und des Abgeordnetenhauses von Berlin kennenzulernen. Eine Stadtrundfahrt und eine Rundfahrt auf der Spree rundeten das sog. „Sightseeing“-Programm ab.

Auf dem Dach des ReichstagsgebäudesBeeindruckt waren die Fahrtteilnehmer auch von der Glaskuppel auf dem Dach des Reichstagsgebäudes, welche sie im Anschluss an einen Besuch im Plenarsaal des Deutschen Bundestages besichtigen konnten. Foto: Bundesbildstelle

 

Bereichert um viele Informationen, Erlebnisse und Eindrücke konnten die in der Integrationsarbeit Aktiven und die Migranten viele Anregungen für ihr Engagement im Nordschwarzwald mitnehmen. Namens der Gruppe bedankte sich Oberbürgermeister Peter Rosenberger bei Staatssekretär Fuchtel für „diese einzigartige Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.“

Das vielfältige Programm und die zahlreichen Gespräche seien ein wichtiger Impuls für die Integrationsarbeit in ihrem Landkreis gewesen, betonte Petra Schupp vom Landratsamt Calw. Aufgrund der Reise seien zahlreiche Kontakte zur Kulturbrücke Horb entstanden, die den Umgang mit dem Themenbereich nachhaltig beeinflussen werden. So seien verschiedene Ideen geboren worden, die darauf warteten, umgesetzt zu werden. Hans-Joachim Fuchtel habe mit der Reise eine Lücke geschlossen und dafür gesorgt, dass ein Netzwerk entstehen kann, das über Kreisgrenzen hinweg echtes Zusammenwachsen ermögliche.

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