07.05.2013

Die DDR sperrte ihn einfach aus

Roland Jahn in der Wachsenden Kirche / Staatssekretär Fuchtel gewann Bundesbeauftragten für Stasi-Unterlagen / Öffentliche Veranstaltung in Nagold

Die DDR sperrte ihn einfach aus Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, spricht auf Einladung des Parlamentarischen Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtel am 23. Mai ab 19 Uhr in der Wachsenden Kirche in Nagold. (Bild:rbb)

Nagold / Calw / Freudenstadt. Der Mitbegründer der oppositionellen Friedensgemeinschaft Jena und heutige Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen kommt am Donnerstag, 23. Mai, ab 19 Uhr in die Wachsende Kirche zum Gespräch. „Eine Veranstaltung zu Grundsatzfragen, die es nicht jeden Tag gibt“, ist sich der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel sicher. Der Bundestagsabgeordnete konnte Roland Jahn für die öffentliche Veranstaltung in Nagold gewinnen.

Somit spricht ein Zeitzeuge in der Wachsenden Kirche, der den Wert von Demokratie zu schätzen weiß. Der Staatssicherheitsdienst hatte ihn einfach aus der DDR ausgesperrt. Der Oppositionelle war den Machthabern 1983 zu unbequem geworden.

Der evangelische Dekan Ralf Albrecht und Bundestagsabgeordneter Fuchtel werden sicher einen der spannendsten Gespächsabende im Nordschwarzwald eröffnen, wenn der Fernsehjournalist das Forum „Unter den Linden“ im Stadtpark Kleb für seinen Vortrag. „Zwischen Anpassung und Widerspruch – Diktatur begreifen, Demokratie gestalten“ nutzt.

Der 59-jährige protestiert schon in jungen Jahren in der DDR immer wieder gegen fehlende Meinungsfreiheit und die zunehmende Militarisierung des Staates. Nach seiner Kritik an der Ausbürgerung Wolf Biermanns wird er 1977 sogar vom Studium der Wirtschaftswissenschaften exmatrikuliert. Doch der Bürgerrechtler gibt keine Ruhe und lehnt es auch ab, freiwillig die DDR zu verlassen. Schließlich will der SED-Gegner das Land, in dem er lebt, verändern.

Damit wiederum kommt die Stasi nicht zurecht, die ihn schließlich einfach in den letzten Waggon eines Interzonenzuges sperrt. Der Gepäckwagen wird erst in Bayern wieder geöffnet.

Von West-Berlin aus hält Jahn weiterhin Kontakt zur DDR-Opposition. Er baut ein Informationsnetzwerk zwischen Ost und West auf. Für die ZDF-Redaktion "Kennzeichen D" und das ARD-Magazin "Kontraste" berichtet er über Menschenrechtsverletzungen und Umweltzerstörung in der DDR. Nach dem Fall der Mauer werden die Folgen der SED-Diktatur eines seiner zentralen Themen als ARD-Redakteur.

1998 erhält Jahn das Bundesverdienstkreuz, 2005 den Bürgerpreis zur Deutschen Einheit der Bundeszentrale für politische Bildung und 2010 die "Dankbarkeitsmedaille" der Solidarnosc. Mit großer Mehrheit wählt ihn der Deutschen Bundestag im Januar 2011 als Nachfolger von Marianne Birthler zum neuen Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen Deutschen Demokratischen Republik, im Volksmund auch „Gauck-Behörde“ genannt.

„Viele Menschen sorgen sich um Grundsatzfragen. Roland Jahn wird über Freiheit, Recht und Unrecht sprechen. Das ist sicher auch für generationenübergreifende Diskussionen in den Familien interessant“, sagt Fuchtel, denn „Zeitzeugen dieses Formats erlebt man nicht alle Tage“. 

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