10.10.2011

Glaube als Basis

Rainer Eppelmann: Kirche wichtige Rolle bei Wende / Prominenter Oppositioneller spricht vor Liebenzeller Studenten

Glaube als BasisDer erste Referent im neuen Atrium der Internationalen Hochschule Bad Liebenzell war der prominente DDR-Oppositionelle Pfarrer Rainer Eppelmann (links), der auf Einladung von Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel vor Studenten und Lehrkräften zur Rolle der Kirche in der Deutschen Demokratischen Republik sprach. Mitten im Bild: Pfarrer Dr. Volker Gäckle, Direktor des Theologischen Seminars.

Bad Liebenzell. Hier hätte man sie sicher hören können, die sprichwörtlich fallende Nadel. Selbst wenn sich Pfarrer Rainer Eppelmann einen Schluck aus dem Wasserglas gönnte, war es mucksmäuschenstill unter den Studenten. Der prominente DDR-Oppositionelle war übrigens der erste offizielle Referent im neuen Atrium der Internationalen Hochschule Bad Liebenzell. „Ich bin mit viel Neugierde hier her gekommen“, gestand der Vorstandsvorsitzende der Bundesstiftung Aufarbeitung. Er bereiste den Nordschwarzwald auf Einladung seines CDU-Parteifreundes und Staatssekretärs Hans-Joachim Fuchtel.

Die Studierenden waren ebenso gespannt, was ihnen der Zeitzeuge dieses noch jungen, dunklen Kapitels deutscher Vergangenheit zu sagen hatte, obwohl sie die Wende im Gegensatz zu ihren Lehrkräften selber gar nicht miterlebt haben. Als angehende Theologen trieb sie dennoch vor allem die Frage um, welche Rolle die Kirchen vor und während des Mauerfalls gespielt hatten.

Rainer Eppelmann, selber Pfarrer im Osten Deutschlands, schilderte, wie die Menschen „die Schnauze voll hatten vom Eingesperrtsein“. Doch obwohl die deutsche Wiedervereinigung gerade erst 21 Jahre her ist, ist sie aus seiner Überzeugung für die Facebook-Generation „so weit weg wie Napoleon oder Kaiser Wilhelm“. Das könne man allerdings den jungen Leuten nicht verübeln, so Eppelmann, denn die ältere Generation und auch die Bildungseinrichtungen hätten es versäumt, die Schicksalsfrage, die das deutsche Volk bis heute präge, mit der Jugend ordentlich aufzuarbeiten: Demokratie oder Diktatur?

Frei reden und frei wählen: Das konnte man im Osten nur in der Kirche, erinnerte Eppelmann an jene Zeit, als Kinder zum Lügen angehalten wurden, damit sie die Familie nicht verrieten, wenn zuhause West-Fernsehen geschaut wurde. Und weil mutige Kirchenvertreter Lücken im Gesetz fanden, wonach Organisationen ihre Versammlung selber gestalten durften, gab es schließlich zwei Öffentlichkeiten in der Deutschen Demokratischen Republik: die der Partei und die der Kirchen. „Darum spielten die Kirchen eine so wichtige Rolle in der Diktatur“, sagte Eppelmann. Denn die Gläubigen ließen sich nicht länger gleich schalten, schwiegen nicht in dem Maße, wie man es an der Parteispitze gerne gesehen hätte.

Er sei vor allem der evangelischen Kirche für ihren Beitrag zur Wende dankbar, auch wenn das 20 Jahre später niemand mehr so recht hören, geschweige denn honorieren wolle. Doch welche Generation sollte in einer vom SED-Regime entchristianisierten Gesellschaft, in der ein Glaubender wegen seiner Überzeugung als ewig Gestriger und ohne Chance auf Karriere verspottet wurde, Kinder und Jugendliche heute zum christlichen Glauben erziehen? „Den Menschen im Osten ist der Glaube regelrecht ausgetrieben worden“, schilderte der Pfarrer in drastischen Worten, „das sitzt tief!“ Es gebe nur eine Alternative, um die Kirchenbänke wieder zu füllen: „Wir müssen so verlockend sein“, sagte Eppelmann unter großem Beifall, „dass auch die anderen dazu gehören wollen.“

In der Zeit der DDR-Diktatur stieß auch der erfahrene Kirchenmann oft an seine Grenzen, „weil in einer so unmenschlichen Gesellschaft niemand lange ein Held sein kann“ und weil er am eigenen Leib das Denunziantentum dieses Staates erleben musste. Wegen eines verweigerten Fahneneids saß er selber im politischen Gefängnis, der Unrechtsstaat brachte sogar die Familie vorübergehend auseinander. Umso enttäuschter ist er heute, dass sich so wenig Menschen in die Demokratie einbringen. Für die Zukunft wünscht sich das prominente CDU-Mitglied mehr Verständnis und Solidarität füreinander. Eppelmann: „Ich höre heute leider zu oft das Wort Spaß, wenn’s um Lebensinhalte geht.“


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