24.09.2015

Vor 200 Jahren Ruf der Zarin gefolgt

Nachfahren der Kaukasus-Deutschen treffen sich mit Staatssekretär Fuchtel / Erinnerungsfest für 2017 geplant

 

fukaukasusDer Journalist Rainer Kaufmann (Vierter von links), der Parlamentarische Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel (Siebter von links) und Wilhelm Schuurmann (Zweiter von rechts) trafen sich in Oberhaugstett mit Nachfahren von Auswanderern aus dem Kaukasus. Bernhard Frick (Dritter von rechts) brachte zu dem ersten Treffen das Andachtsbüchlein von Johann Georg Frick, dem einstigen Anführer der Auswanderer, mit.

 

Neubulach-Oberhaugstett / Calw / Freudenstadt. Im Kaukasus waren sie die Deutschen, in der damaligen DDR die Russen. „Ich habe mich noch nie so wohl gefühlt wie hier in Baden-Württemberg“, sagt die Erzieherin, die mit einigen Landsleuten und dem Parlamentarischen Staatssekretär Hans-Joachim Fuchtel in Oberhaugstett am Tisch sitzt. Sie alle verbindet die gleiche Geschichte: Ihre Vorfahren haben vor fast 200 Jahren aus der Armut heraus die schwäbische Heimat verlassen und waren dem Ruf der Zarin gen Osten gefolgt. 

Das „Familientreffen“ im Löwen geht auf eine Begegnung des Journalisten Rainer Kaufmann und des hiesigen CDU-Bundestagsabgeordneten zurück. Der erste ist als Herausgeber der „Kaukasischen Post“ in der georgischen Hauptstadt Tiflis auf der Suche nach Spuren von Familien, die 1817 den Schritt in die Ferne wagten. Dieses Datum möchte er im Schwabenland wie auch in seiner Heimat besonders gewürdigt wissen. Die Kaukasus-Deutschen wollen hierzulande im August 2017 an die Auswanderung erinnern. Eine größere Fotosammlung existiert bereits, berichtet Mitorganisator Wilhelm Schuurmann. Weitere Erinnerungsstücke an jene Zeit wollen Nachkommen beisteuern.

Die „Kaukasische Post“ plant für 2018 dann kulturelle Veranstaltungen und Begegnungen in Georgien und Aserbaitschan. Denn dort sind die Auswanderer aus Schwaben ein Jahr später auch tatsächlich angekommen. Auch möchte er ein Netzwerk der Kaukasus-Deutschen aufbauen. Den Staatssekretär bat er um Hilfestellung für seine Aktivitäten. So könne eine Studienreise zur Verständigung zwischen den Nationen beitragen. Seine Vision, so Kaufmann, sei außerdem die Vermarktung typischer Lebensmittel, um den Menschen in Georgien Arbeit zu geben.

Auf den Aufruf des Abgeordneten Fuchtel in den Medien seines Wahlkreises meldeten sich prompt einige Nachkommen, die sich jetzt in Oberhaugstett trafen. Dabei standen natürlich viele persönliche Erfahrungen im Vordergrund, wie die der 67-jährigen, die wegen ihrer Ausreiseanträge in den 70er Jahren „den Druck der Obrigkeit zu spüren bekam“ und vom KGB verhört wurde. Erst unter dem russischen Präsidenten Michail Gorbatschow seien später die Vorschriften gelockert worden, so dass sie schließlich doch in die schwäbische Heimat ihrer Vorfahren zurückdurfte. Heute lebt sie in Nagold.

Der 80-jährige Bernhard Frick brachte zu dem Treffen ein Unikat mit, das Andachtsbüchlein von Johann Georg Frick aus dem Jahre 1817. Der Mathematiklehrer, der heute in Sommenhardt lebt, ist der Ururenkel des einstigen Anführers der Auswanderer. In Aserbeidschan geboren, wirkte er in den 80er Jahren noch kurz in der DDR im Schuldienst, ehe er den Dienst quittierte. Er wollte kein „roter“ Schulleiter sein.

Aber es gibt auch Nachkommen, deren Vorfahren unfreiwillig im Kaukasus lebten. Etwa seine Ururgroßmutter, erzählt ein anderer „Heimkehrer“ mit schwäbischen Wurzeln, die 1826 verschleppt worden war.

Von großer Armut und schlechten Infrastrukturen berichtete Hans-Joachim Fuchtel, der als Parlamentarischer Staatssekretär Georgien besucht hat. Er unterstütze gerne die Aktivitäten von Rainer Kaufmann, denn das Land habe noch einen weiten Weg vor sich. „Wer keine Herkunft hat, hat keine Zukunft“, sagte der Abgeordnete. Ein kultureller Beitrag von deutscher Seite könne durchaus der Besuch einer Blaskapelle aus seinem Wahlkreis sein, so Fuchtel. Mit Schulpartnerschaften und Handwerkerkooperationen ließe sich vielleicht über die Jugend eine Brücke zwischen den Nationen bauen. Charme hätte, so Fuchtels Idee, wenn eine Studienreise über die Originalroute der damaligen Auswanderer führen würde.

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